Forschung

Verbal Violence against Migrants in Institutions (VIOLIN)

Violence in Institutions (VIOLIN): ein integrativer Zugang zu Erfahrungen und psychischer Gesundheit von Flüchtlingen und Migranten

In diesem Projekt liegt der Schwerpunkt auf verborgenen Formen von Ausgrenzung und verbaler Gewalt gegenüber Migrantinnen und Migranten im institutionellen Kontext. Ziel des Projekts ist, diese Form der Gewalt sichtbar zu machen und aus den gewonnenen Erkenntnissen Empfehlungen für eine kultursensible und egalitäre Kommunikation in den Institutionen zu entwickeln.

 

Phase 1

Rohleder / Jansen

Als Vorarbeit zur Entwicklung der Verbal Violence Stress Task (VVST) wurde am Lehrstuhl für Gesundheitspsychologie in Zusammenarbeit mit dem Team Linguistik eine Studie mit spanischsprechenden Proband:innen aus Lateinamerika durchgeführt. Die Teilnehmenden durchliefen einen klassischen Stresstest entweder auf Deutsch oder auf Spanisch, wobei verschiedene Biomarker, darunter beispielsweise Speichelproben, sowie verschiedenste Fragebögen (beispielsweise zu Diskriminierungserfahrungen) erhoben wurden. Die Ergebnisse dieser Studie befinden sich derzeit in Auswertung sowie der Vorbereitung zur Publikation. Die VVST wurde in Zusammenarbeit zwischen den Teams Linguistik und Gesundheitspsychologie entwickelt und baut auf dem Trier Social Stress Test (TSST) auf. Eine ausreichende Erprobung der VVST im experimentellen Setting ist in Planung.

Jansen

Semistrukturierte Interviews mit MigrantInnen aus lateinamerikanischen Ländern wurden auf Spanisch durchgeführt, um critical incidents von unpassenden bzw. unangenehmen Situationen mit Vertreter:innen deutscher Institutionen zu sammeln. Sowohl die Perspektive der Betroffenen als auch die Weise, wie sie narrativ diese Erfahrungen berichten, werden in unsere Analyse miteinbezogen. Dieses empirische Material diente als Basis für die Entwicklung des Teil über verbale Gewalt des VIOLIN-Fragebogens.

Jansen / Bendel

Auf der Basis der Kodierung und der Analyse der Sammlung von critical incidents wird ein Erklärungsmodel entwickelt, durch das verschiedene Phänomene wie sprachliche Gewalt, sprachliche Aggression und soziale Diskriminierung differenziert verstanden werden können. Daraus können deren Verbindungen und Überschneidungen besser erkannt werden.

Erim / Bendel

Die Abteilung für psychosomatische und psycho­therapeutische Medizin des Universitätsklinikums Erlangen führte folgende qualitative Untersu­chungen durch: Fokusgruppen mit Expert*innen aus der Migrationsarbeit und mit Betroffenen (Mitarbeiter*innen öffentlicher Institutionen), türkischsprachigen Psychotherapeut*innen, Lehrer*innen von Berufsintegrationsklassen und Schüler*innen der Berufsintegrationsklas­sen.

Die Fokusgruppen zeigen folgende Probleme auf, die in den VIOLIN Online-Survey (Phase 2) einfließen: Ressourcenproblem (z.B. Dolmetschermangel, Infor­mationsmangel), juristisches Problem (z.B. diskriminierende Gesetze; Rechte abhängig vom Aufenthaltsstatus), Kulturproblem (z.B. schwierige Verständigung, unterschiedliche verinnerlichte Regeln, Normen und Ansichten).

Jansen / Bendel

Die gesammelten Erfahrungen werden derzeit analysiert, um Institutionen, Bereiche und Kontexte, in denen sprachliche Gewalt gegen Migrant:innen vorkommt, sowie verbundene Interaktionsmuster, zu identifizieren. Dies dient als Ausgangspunkt für weitere quantitative Erhebungen und Messungen, zum Beispiel den VIOLIN-Fragebogen (demnächst).

Erim

Im Jahr 2019 wurde der zweite Erhebungszeitpunkt der prospektiven register-basierten Studie syrisch stämmiger Geflüchteter mit Aufenthaltsgenehmigung (PROSREF) durchgeführt. Dabei wurden neben der psychischen Gesundheit auch die Auswirkungen von verbaler Gewalt und wahrgenommener Diskriminierung als moderierende postmigratorische Belastungsfaktoren erfasst. Eine Replikationsstudie für syrische Geflüchtete wurde in Lethbridge, Kanada aufgelegt und wird einen internationalen Vergleich ermöglichen.

Sowohl zum ersten Messzeitpunkt der PROSREF Studie im Jahr 2017, als auch zum zweiten Messzeitpunkt 2019 erfüllten 14-30% der teilnehmenden syrischen Geflüchteten die Kriterien einer klinisch relevanten Depression, Angststörung oder einer posttrau­matischen Belastungsstörung. Die publizierten Ergebnisse der longitudinalen Messungen (Borho et al., 2020) weisen darauf hin, dass die psychische Belastung für diese Flüchtlingspopulation trotz ver­besserter Lebensbedingungen auf einem konstant hohen Niveau bleibt. Höhere wahrgenommene Diskriminierung, eine höhere Anzahl trau­matischer Erlebnisse sowie eine kürzere Restgültigkeit der Aufenthaltserlaubnis zeigten sich als messzeit­punktunabhängig wichtigste Prädiktoren psychischer Belastungen. Zusammengefasst stellte sich bezüglich der selbst berichteten wahrgenommenen Diskriminierung heraus, dass diese zwar nur selten von den syri­schen Geflüchteten berichtet wurde, aber als signifikanter Prädiktor psychischer Erkrankungen galt.

Phase 2

Bendel / Erim / Jansen / Rohleder

Durch die Zusammenführung aller bisherigen Forschungsergebnisse aus Phase 1 wurde ein Fragebogen zu wahrgenommener verbaler Gewalt in Institutionen entwickelt, der in einem nächsten Schritt im Rahmen eines quantitativen VIOLIN-Online-Surveys mit verschiedenen Grup­pen von Migranten:innen und Geflüchteten eingesetzt werden soll. Ziel ist es, anhand einer großen Stichprobe belastbare Daten über das Ausmaß und die Auswirkungen (z.B. auf die psychische Ge­sundheit) verbaler Gewalt in Institutionen auf Migrant:innen und Geflüchtete zu erheben. Die Studie befindet sich aktuell in der Planungsphase und wird in 10 verschiedenen Sprachen vorliegen.